
Kopf aus – Meer an! Das habe ich kürzlich auf einem Aufkleber gelesen. Wie wunderbar symbolisch dieser Satz doch ist …
Dieser Text beschreibt perfekt die unendliche Weite, die wir eigentlich in unserem Kopf haben und die unser erbsenkleiner Verstand nicht verstehen kann. Dennoch gelingt es ihm – diesem im Vergleich mikroskopisch kleinen menschlichen Anteil – das weite Denken, das weite Bewusstsein, zu unterbinden.
Im schamanischen Weltbild existieren die alltägliche und die nicht-alltägliche Wirklichkeit gleichermaßen. Also das, was ich real erlebe, mit dem Verstand definieren und einordnen kann, aber auch das, was in einer Trance, in unerklärlichen Botschaften oder Geistesblitzen, aus dem Gefühl der Tiefe oder aus Visionen kommt, gilt gleichermaßen als Realität. Es existiert. Und letztendlich kann auch unser Verarbeitungszentrum im Gehirn nicht unterscheiden, ob die empfangenen Bilder von einem realen Erlebnis, einer Erinnerung oder einer Phantasiereise stammen. Es ist ebenso Realität.
Erst das Bewerten durch unseren Verstand entscheidet, was wir für wahr halten und was nicht. Wir reduzieren alles auf einen minimalen Teil der Wirklichkeit.
Um in der Persönlichkeitsentwicklung große Schritte zu machen, dürfen wir damit aufhören, ständig nach Beweisen zu suchen und zu hinterfragen, ob man sich auf diese Gefühle, die scheinbar aus dem Nichts kommen, verlassen kann.
Der innere Kritiker oder Nörgler, der Verstand, der mit sich selbst und dem Leben hadert, ist kein guter Führer in einer Zeit der entscheidenden Wendungen. Wir brechen gerade aus der linearen Welt aus, von der vielerwähnten Normalität in der unendliches Wachstum als erstrebenswert gilt, und Strukturen scheinbare Sicherheit geben, die unumstößlich sind. Die Welt des Verstandes also. Die Welt des Verstandes der linearen Systeme trägt in sich bereits die Sehnsucht nach dem Zyklischen. Weil linear nicht auf ewig funktionieren kann.
Die zyklische Welt integriert die alltägliche und die nicht-alltägliche Wirklichkeit. Die zyklische Welt ist dort, wo sich wie in der Natur stets alles wandeln darf, und vor allem, wo alles im gegenseitigen Respekt und in Akzeptanz geschieht, um wahrhaftes Wachstum hervorzubringen, anstatt unseren Kopf nur dafür einzusetzen, wie wir noch bessere und höhere Gewinne erzielen können. Die Welt des Verstandes, bringt sich gerade selbst zu Fall und die integrative zyklische Welt fängt sie auf. Deshalb geht die Aufforderung auch an jede/-n Einzelne/-n von uns. Wir dürfen wieder erkennen, dass unser Kopf nicht linear, sondern kreisrund ist. Und wir dürfen uns an die unendliche Weite erinnern, die in unserem Geist ist, in der unser kleiner Erbsenverstand nur als winziger Tropfen schwimmt.
Wir dürfen aufmerksam auf unsere geprägten Erwartungen achten und uns aus der Angst in das Urvertrauen fallen lassen. Wir dürfen unser Bewusstsein wieder bewusst einsetzen und uns aus dem Zweifel unseres Könnens erheben. Wir dürfen die Masken der eingeprägten Absicht, der Kontrolle und der Illusion ablegen und unsere wahre Macht wieder annehmen. Unser Verstand würde staunen, wie schnell sich die Welt verändern würde, würden wir dies alles tun und zu eigenverantwortlichen, aufrechten und kreisrund denkenden Menschen werden.
Träum unbegrenzt und weit …
Die nativen Völker sprechen davon, dass wir alle Träumer sind, die die Welt in die Realität träumen. Unser Kopf spielt eine wesentliche Rolle bei diesen Träumen. Dabei ist mit „Träumen” ist nicht das Träumen während des Schlafens gemeint, sondern die bewussten und unbewussten Gedanken, die wir Tag für Tag, Sekunde für Sekunde in die Welt schicken. Sie sind es, die Realität erzeugen.
Wir dürfen unbegrenzt weit, liebend und mutig träumen und wir dürfen uns an den Traum, mit dem wir geboren wurden, erinnern. Jenen Traum, den wir in unserem Herzen tragen. Jene Gabe und Berufung, die wir mitgebracht haben auf diese Erde, um uns selbst in Schönheit zu erfahren und die Erde zu einem besseren Platz zu machen. Wir dürfen uns an diesen Traum erinnern und ihn Schicht für Schicht wieder durch alle Verstrickungen des Verstandes hindurchscheinen lassen und ihn ins Leben befreien.
Eine wunderbare Tradition ist dabei die Visionssuche. „Wenn Du still wirst und die Schleier der Erwartungen, Prägungen und Konditionierungen lüftest. Wenn du hinausschreitest in den Wald, um dir dort selbst zu begegnen, verneigt sich die Schöpfung vor deiner Herrlichkeit, küsst dich und erinnert dich an die Vision, an den heiligen Traum mit dem du auf die Erde gekommen bist. Sie schenkt dir ein Erinnern an jene Wahrhaftigkeit in dir, die in die Wirklichkeit geträumt und erfüllend gelebt werden möchte.”
Wenn wir uns als Söhne und Töchter dieser Erde wieder die Zeit nehmen, um Erde und Himmel zu umarmen, dann hören wir das Echo aus allen Räumen und Zeiten und die Weisheit in allen Dingen um uns herum. Und der Klang der Wahrheit erreicht wieder unsere Ohren, unsere Herzen, unser Denken und unser gesamtes Sein. Unser Verstand wird über eine Schwelle geführt, hin zur lang ersehnten Quelle deiner inneren Weisheit und Klarheit, die mit dem großen Ganzen verbunden ist. Die nicht-alltägliche Wirklichkeit beginnt sich wieder mit dir rückzuverbinden und im Kopf wird’s wieder kreisrund …
aus CHI 03/22